Ansohn, Meinhard

Sonne, Mond und Sterne — haben wir die gerne?

Notizen zum Verhältnis von Menschen, Sternen und Musik

Thema: Aufsatz
erschienen in: Musik in der Grundschule 2000/03 , Seite 06

Auf vier Lieder über die Sonne kom­men drei über den Mond und zwei über die Sterne, sagt meine Daten­bank. Das entspricht den Antworten von Schülern auf die Frage, was sie am lieb­sten mögen.1 Die Mehrheit entschei­det sich für die Sonne: schön, hell, warm, Leben spendend. Weniger Kinder (mehr Mäd­chen) bevorzu­gen den Mond: verän­der­lich, ruhig, gut anzuse­hen, nachthell. Eine Min­der­heit, über­wiegend Jun­gen, bevorzugt die Sterne: span­nend, her­aus­fordernd, weit weg.

Auch unsere Sprache scheint diese Nähe­grade zu den Gestir­nen zu enthal­ten. Das Wort Sonne entstammt dem indoger­man­is­chen “sauel“2 und bedeutet ein­fach Sonne. Der Ursprung des Worts Mond ver­liert sich in ein­er Gruppe von Wörtern, die über “menot” (= Mondwech­sel) auf “med” (= Mal, wie “das eine Mal”) zurück­ge­hen und soviel wie abmessen, abschre­it­en, wan­dern am Him­mel bedeuten. Sterne kom­men von der Wurzel “ster”, gle­ichbe­deu­tend mit “das am Him­mel Aus­gestreute”.

Von der Sonne zum Mond und bis zu den Ster­nen wird die konkrete Erfahrung immer undeut­lich­er. Die Wortbe­deu­tun­gen sind daher immer weniger am Gegen­stand als an unser­er Wahrnehmung ori­en­tiert. Das zeigen auch die Lied­in­halte zu diesem The­ma. Die Sonne hat dort meis­tens mit Wärme und Licht zu tun, dann erst mit dem Lebens­ge­fühl, das daraus fol­gt. “Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne” ist das deut­lich­ste Beispiel dafür und zeigt gle­ichzeit­ig das in vie­len Liedern religiös emp­fun­dene Dankge­fühl gegenüber der Leben spenden­den Kraft. Der Mond wird zwar gele­gentlich in sein­er realen Bahn beschrieben, bekommt aber son­st eher Geschicht­en zugedichtet (neben dem “Mann im Mond” auch jede Menge Liebesge­flüster) und wird oft als Meta­pher für das Verän­der­liche, auch das Lau­nis­che, benutzt.

Sonne und Mond gel­ten in vie­len Kul­turen als Verkör­pe­rung eines Prinzips von Männlichkeit und Weib­lichkeit:3 die “männliche” Energie des Schaf­fens und Zer­störens und die “weib­liche” des Zyk­lus, der Polar­itäten und des schwin­gen­den Aus­gle­ichs. In den meis­ten Sprachen ist die Sonne männlich und der Mond weib­lich — selt­samer­weise nicht in der deutschen Sprache. Die Sterne wer­den fast gar nicht als Him­mel­skör­p­er besun­gen: Ein Stern ist fast immer etwas, das nicht da ist. Stern der Sehn­sucht; Stern, der beschützt; Stern, der in uns für etwas leuchtet usw. Nur in der Spaßkul­tur der Neuen Deutschen Welle gab es Reisen in den konkreten Wel­traum (Major Tom, Codo oder Fred vom Jupiter, der “kam vom andern Stern und lan­dete nicht gern”).

Der Wel­traum — unendliche Weit­en

Man kön­nte meinen, dass der Wel­traum, so nah er uns durch Hub­ble-Teleskop und Voy­ager-Son­den gerückt ist, eine große Freizeit­folie für Kinder- und Jugen­dak­tiv­itäten abgeben müsste, aber dem ist nicht so. Im Fernse­hen sind die ver­schiede­nen Star-Trek-Gen­er­a­tio­nen konkur­ren­zlose, mod­erne Märchen mit Fan­tas­ie­galax­ien, ähn­lich den Per­ry-Rho­dan-Aben­teuern der 60er Jahre. Im Kino beset­zen Star-Wars-Filme das Wel­traum­seg­ment ohne reale Wel­traumbe­din­gun­gen zu the­ma­tisieren, wie schon “Peterchens Mond­fahrt” oder “Der kleine Prinz”. Aber was heißt schon real? Es gibt keine reale Vorstel­lung davon, dass im Kos­mos zehn Mil­liar­den Galax­ien existieren (geschätzt), von denen die Milch­straße nur eine ist, die selb­st schon etwa drei Mil­liar­den Son­nen (= Sterne) enthält und viele weit­ere “Him­mel­skör­p­er”. Es ist auch schw­er vorstell­bar, dass der größte bekan­nte Stern, Beteigeuze im Ori­on, einen Durchmess­er von 700 Mil­lio­nen Kilo­me­tern hat (was dem fünf­fachen Abstand von Sonne und Erde entspricht) und dass der von uns aus näch­ste Stern, Prox­i­ma Cen­tau­ri, rund vier Licht­jahre (= ca. 40 Bil­lio­nen Kilo­me­ter oder eine Mil­liarde Erdum­run­dun­gen) von uns ent­fer­nt ist.4

Ger­ade die Irre­al­ität des Erforschbaren, aber nicht Erfahrbaren, hat einem astrol­o­gis­chen Umgang mit den Ster­nen Vorschub geleis­tet. Viele Men­schen wis­sen schon als Kind, dass sie “Stein­bock” sind und wer­den doch das Stern­bild Stein­bock ihr Leben lang nicht am Him­mel erken­nen.

Ein ander­er Ver­such, die unendlichen Weit­en des Wel­traums fühlbar zu machen, ist das Herun­ter­rech­nen von unfass­baren Zahlen bis zu hör­baren Fre­quen­zen. Der fröh­liche Sat­urn­fan kann sich z. B. eine Stim­m­ga­bel mit 147,85 Hz kaufen und wird mit diesem Ton (knappes e) vielle­icht noch fröh­lich­er.5

Mag vie­len Men­schen dieser “Forschungszweig” skur­ril anmuten, so zeigt sich dahin­ter ein grundle­gen­des Bedürf­nis, den gefühlten Inhal­ten der Dinge im Uni­ver­sum und ihren möglichen Analo­gien zu unser­er eige­nen Exis­tenz näher zu kom­men und in Sym­bole zu fassen, die auch in den Kün­sten Aus­druck find­en.

Wir haben uns schließlich auch damit abge­fun­den, dass Sterne geza­ckt sind. Kaum ein gemal­ter Stern ist rund wie in der Real­ität. Stern­för­mige Fig­uren dienen uns von alters her für Ausze­ich­nun­gen. In unser­er Sprache sprechen wir ganz offiziell von Son­nenauf- und -untergän­gen oder Voll- und Halb­mon­den, weil uns unsere beschränk­te räum­liche Erfahrung näher ist als die Wis­senschaft.

Son­nen-, Mond- und Stern­musik

In der Musik spiegelt sich die ganze Welt, allerd­ings gefiltert durch Wahrnehmungen und Empfind­un­gen wider. Es kann inter­es­sant sein, ver­schiedene Musik­gen­res von Kindern den Him­mel­skör­pern zuord­nen zu lassen (ohne Behar­rung auf richtig oder falsch!).6

Wir wer­den fest­stellen, dass Sam­ba, Sal­sa, Reg­gae, Calyp­so, Hora und Sir­ta­ki wie auch viele afrikanis­che Stile über­wiegend als Son­nen­musiken emp­fun­den wer­den (auch in Barock und Klas­sik find­en wir viel Son­nen­musik). Der Mond ist in Cool Jazz, Bossa Nova, Pop­bal­laden und Blues präsent wie auch in der gesamten Hochro­man­tik. Zu den Ster­nen gelan­gen wir über Film­musiken (z. B. Hitch­cock), Mes­si­aens Orgel­w­erke, Tech­no, serielle Klavier­musik oder Kom­po­si­tio­nen von Arvo Pärt.

Solche Einord­nun­gen erscheinen zunächst willkür­lich. Bei mehreren Ver­suchen kristallisieren sich aber Gemein­samkeit­en her­aus: Die “heißen” Rhyth­men wer­den fast immer der Sonne zuge­ord­net, die ver­hal­te­nen, eher lyrischen dem Mond und die abstrak­ten oder auch for­malen Musiken den Ster­nen.

Span­nend ist auch die Musike­poche, in der die Kom­pon­is­ten über die Sterne hin­aus gehen woll­ten: Spät- und nachro­man­tis­che Pro­gram­m­musik­er wie z. B. Gus­tav Holst, Alexan­dr Skr­jabin, Karol Szy­manows­ki und Charles Ives schrieben Kom­po­si­tio­nen, die das Uni­ver­sum mit der (noch) har­monisch gebun­de­nen Musik ein­beziehen woll­ten, während andere Kom­pon­is­ten das har­monisch-musikalis­che Uni­ver­sum längst ver­lassen hat­ten.

Wie ein Startschuss in diese jen­seit­ige Welt scheint Beethoven gewirkt zu haben, der in den gut 60 000 Noten sein­er 9. Sin­fonie jenen Stern suchte, der “über Ster­nen wohnen” soll (am Him­mel sind ger­ade mal 6000 Sterne mit bloßem Auge sicht­bar! ).7 Kinder, die sich in Bezug auf Gestirne einge­hört haben, wer­den jene Stelle aus dem 4. Satz mit den unge­heuren Chorhöhen gle­ich den Ster­nen zuschla­gen kön­nen. Ist es da ein Zufall, dass eine andere Stelle aus diesem Satz inzwis­chen zur Europa-Hymne erk­lärt wor­den ist, wo doch die europäis­che Flagge außer der Farbe blau nur Sterne enthält? Die schön­ste Auf­forderung, nicht Fass­bares und Unver­standenes wenig­stens zu akzep­tieren, wird aus­gerech­net in der “natur­wis­senschaftlich­sten” Mond­lied­stro­phe for­muliert, die die ver­tonte Dichtkun­st zu bieten hat:

Seht Ihr den Mond dort ste­hen?
Er ist nur halb zu sehen
Und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
Die wir get­rost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

(Matthias Claudius: “Der Mond ist aufge­gan­gen”, Vers 3)

 

Anmerkun­gen

^1 Eine pri­vate Umfrage 1999/2000 unter Berlin­er Viertk­lässlern ohne Anspruch auf Repräsen­ta­tiv­ität.

^2 “Das Herkun­ftswörter­buch” (2. neubearb. Aufl. 1989).

^3 vgl. dazu Bauer u. a. (Hg.): “Lexikon der Sym­bole”, Wies­baden 1980.

^4 In jedem “Guin­ness-Buch der Reko­rde” find­en sich einige weit­ere Zahlen zum Staunen und neugierig Machen.

^5 Cous­to, Hans: “Die Oktave”, Berlin 1987. Hier wird aus den Ent­deck­un­gen und Berech­nun­gen Johannes Keplers in sein­er “Welthar­monik” (1619) ein später­er Gebrauch­swert geza­ubert. Joachim Ernst Berendt hat diese Gedanken in seinem Buch “Das dritte Ohr — Vom Hören der Welt” (Rein­bek 1985) etwas weit­er ver­bre­it­et. Er war der Ansicht, dass wir in naher Zukun­ft noch einige kos­mis­che Über­raschun­gen erleben wer­den.

^6 vgl. Ansohn, Mein­hard: “Tiere, Men­schen und Musik”, in: “Musik in der Grund­schule” 1/1999, S. 6 ff.

^7 aus “Ode an die Freude” von Friedrich Schiller.